Station 1

Das Ringen von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Auch Sie werden sich schon gefragt haben, warum Menschen für die gleiche Arbeit unterschiedlich entlohnt werden, manche Menschen anscheinend vom Schicksal mehr getroffen werden als andere. Oder: Warum wird der kleine Dieb streng bestraft, der Milliardendieb, der vielleicht in einer Bank sitzt, kommt ungeschoren davon. Ist es gerecht, dass die Pensionen um 1,5 % angehoben werden, ist es gerecht, dass ich heute länger arbeiten muss, während mein Kollege früher nach Hause geht? Dieses Ringen nach Gerechtigkeit ist so alt wie die Menschheit und es ist gleichzeitig ein Ringen nach Ausgleich. Wie unter Geschwistern: Hat der Bruder ein tolles Spielzeug, braucht es die Schwester auch. Und wenn schon nicht dasselbe Spielzeug, dann doch einen gewissen Ausgleich. Diese relative Gleichheit halten wir für gerecht.

 

Doch allgemeingültige Aussagen zu Gerechtigkeit sind für den einzelnen nicht immer befriedigend. Bereits an der Formulierung „jemandem gerecht werden“ spüren wir, dass Gerechtigkeit auch eine individuelle Ausprägung hat. Und selbst das ausdifferenzierteste Rechtssystem wird nicht jedem Menschen gerecht werden. Gottes Gerechtigkeit, die jeden Menschen individuell erfasst, ist deshalb nicht immer deckungsgleich mit unseren Vorstellungen von Gleichheit. Wie ungerecht wäre es sonst, in einer benachteiligten Region der Erde zur Welt zu kommen, mit einer Behinderung leben zu müssen, geschiedene Eltern zu haben und vieles mehr?

 

Barmherzigkeit ist ein Begriff, der im Alltag nicht mehr oft verwendet wird. Ist der barmherzige Mensch etwa gar ein verkappter Schwächling, einer, der sich nicht getraut, seine Ansprüche durchzusetzen, ein konfliktscheuer Mensch? Der Theologe Paul Zulehner sagt dazu: Erbarmen ist keine Schwäche, sondern eine Tugend: also eine Tauglichkeit, eine Kompetenz, eine Stärke. Das teilt sie mit der mit der Gerechtigkeit Wir erkennen was Recht ist und was Unrecht… was hineinpasst und was aus der Reihe schlägt…. eng verwobenen Tugend der Solidarität. Tugenden aber gilt es zu erwerben und zu üben, bis sie zu einer Haltung, zu einer Art „zweiten Natur“ geworden sind.

 

Was Barmherzigkeit in unser Leben einbringen kann und was Barmherzigkeit wirklich ist, ist für viele von uns mitunter recht unkonkret. Wenn ein Vater gegenüber seinem Kind wegen einem Vergehen eine Strafe ausspricht, sich später erbarmt und auf die Strafe verzichtet, ist er dann bereits barmherzig? Oder war ihm die Durchführung der Strafe vielleicht einfach zu mühsam? Wollte er bloß keine Diskussionen oder sich nicht unbeliebt machen?

 

Eine Arbeitskollegin bittet mich um einen Diensttausch. Eigentlich will ich gar nicht. Bevor ich mich aber auf Diskussionen einlasse oder mir eine schlechte Nachrede einhandle, stimme ich zu. Barmherzig?

 

Noch schwieriger wird es, wenn man die Folgewirkungen einrechnet. Das Kind, dem die Strafe ohne ersichtlichen Grund erlassen wurde: Welche Lektion wird es daraus ziehen?

 

Weil wir Sorge haben, wir könnten übervorteilt werden, bestehen wir auf unserem Recht. Wir schalten Anwälte und Richter ein, schreiben Leserbriefe, üben Druck aus – kurz: Wir suchen unsere Gerechtigkeit. Dagegen ist nichts einzuwenden. Doch wo bleibt die Barmherzigkeit? Suchen wir selbst nicht immer wieder Barmherzigkeit bei anderen? Der Polizist möge den Strafzettel zerreißen, der Lehrer die Note ändern oder noch eine Prüfung ansetzen, der Kollege bitte den Dienst tauschen, der andere bitte über die ungünstigen Tatsachen hinwegsehen.

 

Gerechtigkeit und Barmherzigkeit bilden ein unauflösliches Spannungspaar, dem wir uns auf den nächsten Stationen annähern wollen.

 

 

Hören wir dazu Jesu Erzählung vom unbarmherzigen Gläubiger (Mt 18,23-35):

 

 

Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Dienern Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Da fiel der Diener vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. Der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.

 

Als nun der Diener hinausging, traf er einen anderen Diener seines Herrn, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und rief: Bezahl, was du mir schuldig bist! Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.

 

Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.

 

Kommt es in meinem Leben auch vor, dass Menschen nach oben hin um Barmherzigkeit bitten, nach unten aber jeden Anspruch eisern durchsetzen? „Nach oben buckeln, nach unten treten“ lautet ein Sprichwort.

 

 

In welchen Lebenssituationen erleben Sie sich als gerecht, in welchen als barmherzig? Wann suchen Sie Gerechtigkeit und wann Barmherzigkeit?

 

Im Segen des Aaron, der auch in der katholischen Liturgie gespendet wird, wird das Ringen von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in Gott spürbar: Beide Hände werden durch den Segnenden erhoben. Dabei bedeutet die rechte Hand din – die Strenge – sie steht für die Gerechtigkeit. Die linke Hand hesed symbolisiert Huld und Gnade Gottes. Der Segnende erhebt die Hand des Erbarmens höher als die Hand der Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit gipfelt im Erbarmen, dieses ist ihr Ziel und ihre Vollendung: 

 

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil (Num 6,24-26).

 

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