Station 2

Erbarmen ist eine Tugend der Reichen

Das lateinische Wort für Erbarmen ist misericordia. Es setzt sich zusammen aus cor (Herz) und miser (der Arme): Der misericors hat also buchstäblich ein „Herz für die Armen“. Auch das deutsche Wort „Erbarmen“ verweist auf die „Armen“.

 

So gerecht Gott in den Schriften der Bibel beschrieben wird, so reich an Erbarmen ist er auch. Die Vorstellung vom liebenden Vater ist nicht vereinbar mit einem Gott, der seine Ansprüche eisern durchsetzt. Vielmehr wird der liebende Vater dem Einzelnen gerecht werden und im Letzten die barmherzige Liebe immer über seine eigenen Ansprüche stellen. Der Mensch ist nicht dem Zorn Gottes ausgeliefert, sondern darf auf Gottes Barmherzigkeit und Vergebung vertrauen. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit stehen dabei nicht einfach unverbunden nebeneinander. Schon gar nicht hebt das Erbarmen Gottes Gerechtigkeit auf. Vielmehr ist, so die zentrale Botschaft der jüdisch-christlichen Tradition, Erbarmen überbotene Gerechtigkeit.

 

Diesen überraschenden Zusammenhang verdeutlicht Jesu Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-15)

 

Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg.

 

Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, die dort herumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg!

 

Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter, und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letzten, bis hin zu den ersten. Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar. Da begannen sie, über den Gutsherrn zu murren, und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich (zu anderen) gütig bin?

 

Der Weinbergbesitzer hält sich an den vereinbarten Lohn. Die Vereinbarung mit dem Ersten zeigt, was ihm die Arbeitsstunde wert ist. Da ist er ganz gerecht. Doch allen anderen zahlt er einen höheren Stundenlohn, was wir als ungerecht beurteilen würden. Doch der Gutsbesitzer wird allen Arbeitern gerecht, indem er ihnen den Tageslohn bezahlt, der es ihnen ermöglicht, den Tag zu überleben. Er gibt mehr als vereinbart. Erbarmen ist überbotene Gerechtigkeit.

 

Wer in Not ist, hat es schwer, Erbarmen zu üben, mehr als gerecht zu geben. In seinen Gleichnissen setzt Jesus deshalb immer voraus, dass der König oder der Weinbergbesitzer oder der Vater aus dem Vollen schöpfen. Er kann sich aus seinem Überfluss heraus erbarmen. Auf Gerechtigkeit im Sinn, dass er ein Recht habe, das Verliehene zurückzuerhalten, ist er nicht angewiesen.

 

Solches Erbarmen kann nur jener üben, der sich selbst „reich“ beschenkt weiß. Wo es sich um irdischen materiellen Reichtum handelt, leuchtet das leicht ein. Ist also das Erbarmen eine Tugend der Reichen?

 

Wenn man Jesu Gleichnis vom König und seinem korrupten Knecht folgt, dann rückt noch eine andere Form von „Reichtum“ in den Blick. Es ist die Erfahrung, im Voraus zu unserem eigenen Tun in der eigenen Armut von Gott her reich beschenkt zu sein: und das in großer Fülle. Und aus diesem uns zuvorkommenden Erbarmen Gottes wird uns selbst Erbarmen in Gottes Art zugemutet: Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? (Mt 18,32f)

 

Barmherzigkeit als „Über das Maß der Gerechtigkeit hinaus geben“ kann demnach auch bedeuten, auf gerechte Ansprüche zu verzichten. Aber nicht aufgrund eines Jemand, der sich großzügig beschenkt weiß, kann weitergeben… Hofgarten Innsbruck faulen Kompromisses oder einer Scheu, Konflikte auszutragen, sondern aus einem barmherzigen Herzen heraus.

 

Der evangelische Rat der Armut, in den Ordensgelübden einer der drei Räte, lebt aus der Erfahrung des Beschenkt-seins. Der Mensch braucht seinen Selbstwert nicht aus dem Anhäufen von Gütern beziehen, weil Gott selbst Wert und Würde jedes Menschen begründet. In der Teilhabe am Reichtum Gottes kann der Mensch „arm“ und bedürfnislos sein und damit sowohl solidarisch wie voll von Erbarmen. Er ist nicht mehr genötigt zu einem „Lebensstil krampfhafter Selbstbehauptung“, sondern frei zu solidarischer und barmherziger Liebe. Wer innerlich reich ist, braucht keinen (äußeren) Reichtum. Das ermöglicht eine Spiritualität der offenen Augen, der engagierten Hände: also eine Spiritualität des Erbarmens.

 

 

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