Station 4

Spiritualität des Erbarmens

Eine Spiritualität des Erbarmens ist eine Spiritualität der offenen Augen und der offenen Ohren. In einer Gesellschaft, die vom Elend der Armen mehr wegschaut als hinschaut, ist eine solche Spiritualität auch von hoher politischer und sozialer Bedeutung. Achtsam wahrnehmen, wie es den anderen geht.

 

Das Hinschauen ist der erste Schritt. Sehen, welche Armut, aber auch welcher Reichtum mich umgibt. Dazu mehr im nächsten Abschnitt. Das Einfühlen in die Lage der Armen ist der zweite Schritt. In den biblischen Texten ist es die innere Erschütterung in den „Eingeweiden“, in der Tiefe der Person. Mitleid ist alltagssprachlich gesehen ein zu schwaches Wort dafür. Denn Mitleid allein macht den Armen nur ärmer. Es ist ein Blick von oben herab und ist für den Armen oft schwer zu ertragen, weil es ihn in seiner Armut zusätzlich gesellschaftlich abwertet.

 

Im englischen Begriff „compassion“ steckt das Wort Passion. Übersetzt werden könnte es mit „mitleiden“. Den Unterschied zwischen „Mitleid“ und „Mitleiden“ kann man an zwei biblischen Bildern erhellen. Sie stammen aus dem Kreuzweg, den Jesus nach Golgota außerhalb der Stadt Jerusalem gegangen ist. Da geht er an weinenden Frauen vorbei. Diese stehen klagend am Rand des Kreuzwegs (Mitleid). Dann aber wird von einem Mann aus Cyrene berichtet, namens Simon. Man zwingt ihn, unter das Kreuz zu treten und dieses mitzutragen (Mitleiden). Ganz stark kann man den Unterschied am Heiligen Franziskus festmachen. Er war ein reicher Rittersohn. Aus Mitleid war es üblich, den Armen Almosen zu geben. Doch Franziskus geht nach seiner Bekehrung einen anderen Weg: Er stellt sich mit den Armen auf eine Stufe, er will sogar tiefer stehen als sie, um zu ihnen aufblicken zu können. Damit hilft er nicht von oben herab, sondern von unten. Er wertet die Armen auf. Plötzlich sind sie nicht mehr die Letzten der Gesellschaft.

 

Jesus selbst war sein Vorbild, wie Paulus im Philipperbrief schreibt:

 

Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, / hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich. / Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich / und war gehorsam bis zum Tod, / bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht / und ihm den Namen verliehen, / der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde / ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: / «Jesus Christus ist der Herr» - / zur Ehre Gottes, des Vaters. (Phil 2,5-11)

 

Als Mutter Theresa in Kalkutta die kranken, allein gelassenen Menschen in den Straßengräben sah, hatte sie Mitleid, beschränkte sich aber nicht auf das Kritisieren des Zustands, sondern sie nahm sie mit, pflegte die, die keiner mehr berühren wollte.

 

Gibt es einen Moment, wo sich jemand mit dir auf eine Stufe in deine Armut begeben hat?

 

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